Der Hund stammt vom Löwen ab!

October 14, 2019

 

Heute habe ich wieder einmal einen Gast-Blogartikel für Euch. Eine liebe Kundin hat ihn geschrieben. Ich mag dazu gar nicht viel sagen, da mir die Worte fehlen. Mir wurde übel, und mir kamen die Tränen, als ich das gelesen habe.

 

Ich finde keine Worte dafür, dass es im Jahre 2019 noch solche "Trainer" gibt, die ohne jegliches Fachwissen und mit purer Gewalt arbeiten.

 

Es gibt so viele tolle, vielfältige tierschutzkonforme Trainingsansätze. Man kann mit Hunden so fein körpersprachlich kommunizieren und sie auf respektvolle Art trainieren, und sie sind immer bemüht, ihr Bestes zu geben und uns Menschen zu verstehen. Darüber möchte ich so gerne noch so viel schreiben. Nicht über diesen veralteten tierschutzwidrigen Kram.

 

Da diese Methoden aber offenbar leider hier und da immer noch kursieren, empfinde ich es als meine Pflicht, auch darüber aufzuklären, und bin daher sehr dankbar über diesen Erfahrungsbericht meiner Kundin.

 

 © Adobe Stock • Eric Isselée

 

"Das, was ich erfahren habe und versuche hier in Worte zu fassen, richtet sich an alle, die mit dem Gedanken spielen, einen Möchtegern-„Hundezauberer“ aufzusuchen, der einem verspricht, den Hund in einem Tag zu „erziehen“!
Für diese „Trainer“ sind  alle Hunde gleich.

Ich habe aus Verzweiflung einen solchen Trainer ins Haus geholt und mit meinem Hund "arbeiten" lassen und bereue das heute bitter.

 

Ich fand meinen Hund eigentlich immer ganz gut und hatte auch das Gefühl, dass er viel kann. Nur ein Problem hatten wir, dass mein Kind und er immer wieder auf Kriegsfuß waren. Mit dem Rückruf war ich mir auch manchmal etwas unsicher.
Dazu kam, dass mir ständig aus dem Umkreis gesagt wurde, dass ich an der Situation etwas ändern solle, dass es so nicht weitergehen könne.
Das wollte ich natürlich auch, es war mit Sicherheit kein schönes Gefühl, wenn das eigene Kind sich ständig mit dem eigenen Hund in der Wolle hat.

Ich wusste mir keinen Rat mehr, ich hatte schon alles versucht.
Durch Zufall kam ich dann auf eine Seite einer Hundeschule. Das hörte sich gut an, schnelle Lösungen für jedes Problem wurden versprochen.
Also angerufen, Situation erklärt, Termin bekommen, und paar Tage später kam der sogenannte „Hundetrainer“ zu uns nach Hause.

Es klingelte, und mein Hund bellte ... als ich die Tür öffnete, stürmte der „Trainer“ rein, auf meinen Hund zu und schmiss erstmal 2 Schellen neben ihn und schrie etwas von: „Ich zeig’ dir jetzt, wer das Sagen hat, vor dir hab’ ich keine Angst, da muss schon was anderes kommen!“ Mein Hund lag erstmal unter dem Tisch und wollte so schnell auch nicht mehr da drunter raus kommen. Ich stand nur da und wusste erstmal gar nicht, was ich machen oder wie ich reagieren sollte. Sprachlos. Mein Kind ebenfalls.

Dann ging’s los. Ich würde alles falsch machen, der Hund sei unser „Rudelführer“, er bewacht das ganze Haus, ich hab keine Kontrolle über ihn ... ich wurde richtiggehend niedergemacht von dem Trainer.

Das Thema mit meinem Kind, was eigentlich mein Problem war, wurde hinten an gestellt. Erstmal muss das Rudel sortiert werden, dann läuft das von allein!
Und die zwei sollen sich halt einfach aus dem Weg gehen, denn ein Hund sei nicht zum Kuscheln da - wenn wir das wollten, dann sollten wir uns eine Katze zulegen. Gelegentlich sollte mein Kind sich aber den Hund an den Gürtel binden und überallhin im Haus mitnehmen. Warum, wurde nicht erklärt. Einmal hat mein Kind das später versucht, aber mein Hund weigerte sich mitzulaufen. Er hätte ihn wirklich mitzerren müssen. Das wollten wir nicht, also haben wir das sein lassen.

Den Hund sollte ich in der Zeit unter dem Tisch rausholen ... was gar nicht so einfach war nach dem Auftritt. Ich zerrte an ihm rum, und schon ging’s weiter, er sollte in sein Körbchen, das für ihn angeblich schonmal komplett an der falschen Stelle stand, denn von diesem Platz aus könne der Hund ja das gesamte Haus bewachen! Die Tür direkt im Blick, oh Gott!

Also, Körbchen in die letzte Ecke, kein Blick mehr auf irgendwas.
Mein Hund saß jetzt dort und wurde mit seinem Futter beworfen von dem fremden Mann. „Siehst du, der respektiert mich, der isst nix mehr. Ich kann jetzt machen, was ich will, der berührt nix mehr! Nur so wird das alles klappen!“, war die stolze Antwort des Herren.

Ich sah einen verängstigten, eingeschüchterten und am ganzen Körper zitternden Hund. Das sagte ich auch. „Man zittert nicht aus Angst!“, oder ob ich jemals aus Angst gezittert hätte, war die Antwort .
Stand ich wieder da. Ja, ich machte scheinbar alles falsch.

(Nachdem der Trainer nachher weg war, fraß mein Hund das ganze Futter, was rumlag, übrigens erstmal hastig und erleichtert auf.)

Die weiteren Anordnungen waren:
Hund darf niemals auf die Couch.
Hund mehrere Tage nicht beachten (wenn ich ihn nicht beachte, dann wird der schon hören). Ignoranz ist das Beste überhaupt!

Futter mehrmals am Tag verteilt geben, aber nur, wenn der Hund sich unterordnet, und wichtig: dem Hund voressen! Das heißt, ich esse aus dem Napf des Hundes und stelle ihm den Napf dann hin, entweder mit paar Körnchen drin oder auch leer. So wird er sehen, dass ich der Chef bin. Denn bei den Löwen (vom Löwen stammt der Hund ja bekanntlich ab!), essen immer zuerst die Rudelführer und dann der Rest. (Auch niemals aus der Hand essen lassen, welcher Rudelführer bringt seinem Rudel schon freiwillig das Essen?)

Leckerlies sind verboten. Ich erkaufe mir den Hund damit, der kommt nur, weil ich ihm was gebe, nicht, weil er hört.  Naja ... das mit dem Belohnen hab’ ich aber heimlich zuhause weiter gemacht.😉

Den Hund niemals mehr auf den Arm nehmen, das ist nicht gut für ihn, das bestärkt ihn nur zu denken, dass er der Chef ist. (Weiß ja jeder Depp, dass in Wolfs- und Löwenrudeln der Rudelführer immer von den niederen Rudelmitgliedern aufm Arm rumgetragen wird! :-D)

Wenn ich heim komme, den Hund ignorieren, niemals begrüßen, der Hund kann mich begrüßen, wenn ich das zulasse, denn ich bin der Rudelführer und entscheide, wann ich das möchte.

 

Außerdem wurde das Schlafzimmer kontrolliert ... oh Mann, wie peinlich ... ob unser Bett höher ist als das Körbchen vom Hund. Mein Hund hat ein recht hohes, weiches Körbchen, der liebt das halt. Aber da mein Bett wirklich erhöht ist, hat er gesagt, dass es dann ok wäre.

Beim Spazierengehen:
Wenn der Hund einen Vogel auch nur anguckt, unterbinden, er fixiert dann, sofort schreien, dass er das unterlässt.
Hört er nicht auf meinen Rückruf, dann eine Wasserflasche in seine Richtung schmeißen oder die Schellen, er erschreckt sich dann so sehr, dass er meine Hilfe suchen kommt.
Schnüffelt der Hund zu lange im Gras, dann ruhig mal mit Wasser ins Gesicht spritzen, hilft das nicht, Wasserflasche vorher ruhig mal ins Gefrierfach legen, eiskaltes Wasser hält kein Hund aus!!!

 

Zu meinem Kind sagte er irgendwann, er wäre ja extra wegen ihm gekommen und hätte das Gefühl, das es ihm nicht zuhört. Er hätte mehr Respekt verdient! Mein Kind hatte nur ganz kurz auf sein Handy geschaut, schon gab es einen Anschiss.

Heute ist mir alles so klar, und wenn ich es Revue passieren lasse, kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Was soll ich sagen, normalerweise lasse ich mich nicht von jemand beeinflussen, schon gar nicht, wenn ich sowas höre.

Aber ... dieser Mensch hat bei mir irgendwas im Kopf gemacht, dass ich das alles tatsächlich gut fand. Bis heute kann ich mir nicht erklären, wie er das gemacht hat. Mit irgendwelchen Erklärungen für alles hatte er mich hypnotisiert. Ein anderes Wort fällt mir nicht dafür ein.

Ich hätte jeden von diesen Methoden überzeugen können, alles wirkte zunächst für mich richtig! Jemand, der was anderes gesagt hat, der war doch selbst schuld, wenn er sowas nicht auch macht.

Ich bin heute froh, dass nicht jeder meine Meinung geteilt hat!!

Die Ergebnisse schienen direkt da zu sein. Mein Hund hat draußen keinen Hund mehr angebellt. Das tat er vorher zwar auch selten, aber jetzt ging er einfach hinter mir her. Ohne nach rechts oder links zu gucken. Ob mit oder ohne Leine, ganz egal. (Heute weiß ich, dass er das aus Angst gemacht hat. Er bekam einfach seine Portion Liebe nicht mehr von mir, diese Strenge und die ständigen Strafen, das hat ihn eingeschüchtert!)

Er kam beim Rückruf zu mir, anfangs alles super. Ich war wirklich überzeugt.
Mein Kind und mein Hund, kein Problem. Sie sahen sich ja schließlich nicht mehr an. Was soll da auch passieren?

Nach einigen Wochen mit diesem „Training“, fing mein Hund jedoch an , sich anders zu verhalten. Er wurde futteraggressiv und fing an, Hunde, die er eigentlich kannte, anzuknurren und nach ihnen zu schnappen. Mein Kind war auch plötzlich wieder Zielscheibe, ohne dass er ihm was getan hatte.
Beim Rückruf kam er zwar, aber bremste immer weit vor mir ab und kam langsam und geduckt zu mir gekrochen. Oftmals suchte er Schutz bei anderen Leuten, die mit uns spazieren waren. Zu mir hatte er kein Vertrauen mehr. Ich glaube, für ihn war ich nicht mehr ich. Er schrie manchmal grundlos auf, wenn ich ihn anleinen wollte.


Ich hatte ja auch paarmal die Wasserflasche in seine Richtung geworden, zum Glück nie auf ihn, aber wer kommt denn schon freiwillig zu jemandem, der einem weh tun will!
Wirklich weh tun wollte ich ihm doch nie. Nur die Trainingsratschläge befolgen ... schließlich glaubte ich, dass der „Trainer“ weiß, was er tut …

Mit der Zeit steigerte sich das alles...
Irgendwann kam ich zu dem Punkt, wo ich das ganze Training hinterfragte! Mein Hund war doch vorher nicht so? Was hatte ich denn jetzt nur gemacht?
Wenige Kleinigkeiten waren besser, aber jetzt hatte ich mehr Probleme als vorher.

Vor allem das Hauptproblem von damals war noch genauso da!

Ich brach das Ganze ab und nahm ihn wieder auf den Arm und auf meinen Schoß. Er bekam seinen Platz auf der Couch, und all diese hirnlosen Dinge ließ ich sein. Wieder kuscheln und liebhaben.
Sein Vertrauen zu mir hatte einen Knacks, das musste ich mir langsam wieder erarbeiten. Vor allem beim Rückruf, da hatte er Probleme, mir zu trauen.

Ich glaube, ich habe das Ganze gerade noch rechtzeitig abgebrochen. Keine Ahnung, was heute wäre, hätte ich das alles länger durchgezogen und wäre nicht wach geworden aus dieser Hypnose!

Für mich hatte ich die Entscheidung getroffen, ich will nie mehr in eine Hundeschule, ich will mir auch keine Gedanken mehr machen, wie es mit meinem Kind und dem Hund weitergeht. Vielleicht darf ich dem Ganzen einfach keine Beachtung mehr schenken?

So ließ ich es einfach mal laufen.
Keine Gedanken mehr an die Schei…, die ich da gemacht habe, nicht mehr drüber reden, nicht mehr dran denken.

Ich weiß nicht genau, warum und durch wen, aber ich las bei Facebook einen Beitrag von Natalie und ihrer Hundeschule.
Tolle Kurse und tolles Training, vor allem zufriedene Hunde und Halter.
Ich beobachtete die Beiträge der Seite einige Wochen, und irgendwann dachte ich, vielleicht gebe ich dem Ganzen doch noch eine Chance.

Irgendwas, was das Vertrauen zwischen mir und meinem Hund wieder vollkommen herstellt. Es war zu dieser Zeit schon deutlich besser geworden, er nahm mich schon wieder als „mich“ war. Aber trotzdem war es noch nicht ganz richtig.

Wir vereinbarten einen Termin zum Kennenlernen, und ich entschied mich für einen Kurs bei Natalie.
Ja, von meiner Vorgeschichte hab ich lange nichts erzählt. Mir war und ist das alles noch sehr peinlich und unangenehm, dass ich so einen Weg gewählt habe!

Mein Hund ist seit dem neuen Training richtig aufgeblüht, hat Spaß ohne Ende, und genauso geht es mir auch!
Endlich kann ich so sein, wie ich bin mit meinem Hund, und das Training ergibt Sinn und bringt auch ganz ohne Druck und Einschüchtern schnelle Fortschritte.


Ich habe Zeit gebraucht, um doch nochmal über alles nachzudenken und dazu zu stehen, was passiert ist, und es nicht einfach zu vergessen! Ich wünsche mir, dass diese gewalttätigen „Trainings“methoden bald der Vergangenheit angehören. Und ich wünsche mir, dass ich anderen Hundehaltern mit meinem Bericht die Augen öffne. Gewalt ist niemals okay!

 

Ich frage mich wirklich, wie so ein Trainer es schafft, die Menschen so zu beeinflussen, jemand wirklich weis zu machen, dass man ein Tier in 1-2 Stunden so weit haben kann, dass es ALLES kann. Das ist doch, wenn man logisch denken kann, gar nicht möglich. Ich kenne kein Kind , das nach dem ersten Schultag nach Hause kommt, ALLES kann und für das ganze Leben FERTIG ist! Bitte hinterfragt die Methoden, die dort angewandt werden!

 

Mir fiel es sehr schwer, dir überhaupt irgendwann von meiner Geschichte zu erzählen, da ich mich nur geschämt habe, dass ich so etwas zugelassen hatte. Aber ich bin froh, dass ich es irgendwann gewagt habe und du mir zugehört hast, ohne zu urteilen.

Danke, Natalie, dass ich bei dir trainieren darf mit meinem Hund und wir mit jeder Stunde dazu lernen!"

 

Danke an alle, die den Text gelesen haben. Es ist unglaublich, aber sowas gibt es scheinbar tatsächlich heute noch. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Rudelführergeschichten und der damit einhergehende Umgang mit dem Hund über Druck, Zwang und Schreckreize völlig veraltet und wissenschaftlich seit Jahrzehnten widerlegt sind. Es ist NICHT tier(schutz)gerecht, so mit einem Hund umzugehen.

 

Übrigens: Das ursprüngliche Problem zwischen dem Kind und dem Hund meiner Kundin löst sich derzeit gerade in Luft auf. Es brauchte dazu weder extra Training noch irgendwelche strengen Maßnahmen noch Ignoranz zwischen Kind und Hund. Es brauchte nur Verständnis für den Hund. Und ein bisschen Rückenstärkung für die Kundin, die ein prima Bauchgefühl für die echten Bedürfnisse ihres Hundes hat.

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