Hundetraining damals und heute - ein Erfahrungsbericht von Dorothea mit Spike und Ella

September 11, 2018

Dies ist ein Gast-Artikel von Dorothea, die mit ihrer kleinen Hündin Ella seit ein paar Monaten bei mir im Gruppentraining ist. Sie berichtet von ihren Hundeschul-Erfahrungen mit ihrem ersten Hund vor 14 Jahren. Leider sind ihre Erzählungen kein Einzelfall, selbst heute noch nicht ... deshalb ist es so wichtig, darüber aufzuklären. Danke, liebe Doro, für Deine ehrlichen Worte und Deinen Mut zur Selbstkritik. Ich weiß, wie sehr Du darunter leidest, das damals mit Spike so zugelassen und nicht früher die Reißleine gezogen zu haben. Geh nicht so hart mit Dir ins Gericht - Du HAST die Reißleine gezogen und irgendwann auf Deine Intuition vertraut und somit wieder eine vertrauensvolle Beziehung mit Deinem Hund hergestellt, auch wenn manche Schäden bleibend waren und nicht alles ungeschehen gemacht werden konnte.

 

Ich hoffe, dass viele Menschen Deine Geschichte lesen und sie dazu beiträgt, dass mehr Hundehalter auf ihr Bauchgefühl hören und genau hinschauen, ob es ihrem Hund mit dem eingeschlagenen Trainingsweg wirklich gut geht.

"Vor 14 Jahren kam unser Labrador-Mix-Welpe im Alter von acht Wochen zu uns. Er war ein ganz süßer und lieber Welpe, mit dem wir zunächst eine Welpenspielgruppe besucht haben. Mit einem halben Jahr kam er so langsam in die Pubertät, fing an, an unseren Möbeln zu kauen und stark an der Leine zu ziehen. Er war damals schon sehr groß (sein Endgewicht waren 60 Kilo). Deshalb wollte ich, dass das mit der Leinenführigkeit gut klappt und hatte auch vor, mit ihm die Begleithundeprüfung zu machen.

Wir haben uns dann eine Hundeschule ausgesucht, und ich hatte irgendwie in der ersten Einzelstunde schon ein ungutes Gefühl. Die Trainerin hat sich Spike angeschaut, wir gingen ein Stück spazieren, und Spike zog und zog und zog ... die Trainerin verpasste ihm dann einen kräftigen Ruck mit der Leine am Halsband. Damals trug er noch ein normales Lederhalsband.

Sie empfahl mir dann, zu einer Theorieeinheit zu kommen, in der sie alles zum Training u.a. mit einem Zughalsband erklären würde. Dort habe ich ihre eigenen Hunde gesehen und war von denen schon ein wenig beeindruckt, weil sie da lagen und wie eine Eins gehört haben. Deshalb ging ich trotz meines unguten Gefühls in diese Hundeschule. Schließlich wollte ich auch so einen gut erzogenen Hund haben.

In der nächsten Trainingsstunde musste Spike im Kreis laufen wie ein Pferd an der Longe, was er auf dem Hundeplatz auch gut gemacht hat. Sobald wir aber querfeldein gingen, hat er an der Leine die Sau gemacht. Er hat dann ein Kettenhalsband bekommen und darüber noch ein Nylon-Zughalsband ohne Stopp. Wir sind dann mit zwei Leinen gegangen, und sobald er mit seinem Kopf mein Knie überholte, sollte ich ihm einen starken Ruck verpassen. Das Ende vom Lied war, dass Spike das Halsband hasste und sich im Training überhaupt nicht mehr traute, nach vorne zu laufen, weil er genau wusste, dass es dann einen Ruck und ein aggressives negatives Feedback von mir und auch der Trainerin geben würde.
Ich verstehe nicht, warum diese schlimmen Zughalsbänder immer noch zulässig und nicht verboten sind.

Ich wurde ständig in meinem Verhalten dem Hund gegenüber korrigiert - z.B. durfte ich Spike nicht mehr freundlich rufen, wie ich es in der Welpenzeit gemacht hatte, sondern ich sollte "bestimmend" sein, damit er "Respekt" vor mir hat. "Nur wenn du bestimmend auftrittst, kommt auch dein Hund zurück", sagte die Trainerin. Mit bestimmend meinte sie einen aggressiven Ton. Spike war einfach nur noch verschüchtert.

Sie kam dann auch einmal zum Hausbesuch, weil Spike ja an Möbeln rumkaute, wenn er mal allein war. Sie meinte, er würde uns ja nur auf der Nase rumtanzen, er sei am Pubertieren, und wir müssten ihn deshalb kastrieren lassen. Ich dachte, sie ist Hundetrainerin und hat Ahnung und habe leider auf sie gehört und Spike mit einem halben Jahr kastrieren lassen. Das war der größte Fehler meines Lebens. Ich glaube, dass die Frühkastration vieles noch verschlimmert hat.

Beim Hausbesuch gab sie mir außerdem den Tipp, das Platz-Training durchzuführen - allerdings ganz anders als bei dir, Natalie. Ich musste ihn auf einer Decke ablegen und bestimmend "bleib" sagen. Sobald er aufstand, musste ich mit der berühmt-berüchtigten Rasseldose in seine Richtung rasseln. Wenn er zur Tür lief, weil es geklingelt hatte, sollte ich die Dose auch neben ihn werfen. Die Dose sollte ich dann auch auf den Spaziergängen an der Leine mitnehmen, damit er - sobald er es rasseln hörte - stehenbleibt bzw. wieder auf meine Höhe zurückkommt.

Wenn er was kaputt gemacht hatte, sollte ich ihn auch noch Stunden danach hinführen, ihm das zeigen und ihn dafür bestrafen, ihn fest im Nacken packen und zur Strafe auf seinen Platz legen. Heute weiß ich, dass er dann seinen Platz immer mit Strafe verbunden hat ... dabei sollte der Platz doch eigentlich ein Rückzugsort für den Hund sein, an dem er sich wohlfühlt.

Wenn wir in der Hundeschule waren, hat Spike in der Gegenwart der Trainerin resigniert und aus lauter Angst gar nichts mehr gemacht. Ich hatte den Eindruck, dass er einfach nur hoffte, dass es schnell wieder vorbei ist. "Sitz" und "platz" hat er ganz verschüchtert und langsam gemacht und sich mehrmals vergewissert, ob er auch das Richtige macht. Er wusste, wenn er es falsch macht, kommt eine Strafe. Das ist bei Ella, unserer neuen Hündin, ganz anders. Sie freut sich, wenn ich "sitz" sage, weil sie weiß, dass etwas Positives folgt.

Die Trainerin war nie zufrieden damit, wie ich die Leinenrucks umsetzte. Deshalb hat sie ihn dann auch an die Leine genommen. Ich vermute, dass sie ihn dabei dann verletzt hat, denn ab da war die Rute immer unten, wenn er sie gesehen hat. Er zeigte ganz klar, dass er Angst vor ihr hatte.

Klar hat er sich dann in der Umgebung der Hundeschule nichts mehr getraut und scheinbar 1a "gehört" - zwar immer zögerlich und aus Angst heraus, aber er hat "funktioniert".

Übrigens wurden auch wir Halter von der Trainerin angepampt und niedergemacht, wenn wir in ihren Augen einen Fehler machten.

Das Schlimmste, was wir in der Hundeschule erlebt haben, war einmal bei diesem Kreislaufen an der langen Leine. Er lief irgendwie nicht in die Richtung, in die er sollte, sondern lief mir nach, und da schmiss die Trainerin einen Schlüsselbund nach ihm. Nicht neben ihn, sondern sie traf ihn richtig. Da war mein Verhältnis zu ihr dann endgültig gestört, und ich ging nicht mehr regelmäßig zum Training.

Ich muss zugeben, dass wir zuhause trotzdem einiges erstmal beibehalten haben, weil es ja irgendwie funktioniert hat. Zum Beispiel haben wir weiterhin diese Scheiß-Dose eingesetzt, wenn es an der Tür geklingelt hat. Auch den unfreundlichen Ton beim Rückruf hatten wir uns inzwischen angewöhnt. Spike kam ja auch zurück - allerdings nicht freudig, sondern mit eingeklemmter Rute.

Was insgesamt durch dieses "Training" entstanden ist, war eine absolute Unsicherheit bei Spike. Er war total verängstigt. Er hat sich vor allem und jedem unterworfen. Selbst wenn nur eine Katze um die Ecke kam - Spike hat sich unterworfen. Er lag mit eingeklemmtem Schwanz auf dem Boden und hat gehofft, dass die Katze schnell vorbeigeht, bevor er von seinem Frauchen oder Herrchen wieder irgendein negatives Feedback bekommt.

Es kamen auch so Aussagen wie "Es ist ein Machtverhalten, wenn der Hund aufs Sofa geht - damit begünstigt man Alphatier-Verhalten. Der Hund muss wissen, dass er im Rudel als letztes kommt."

Ich bin dann nicht mehr in die Hundeschule gegangen, sondern ging einfach nur ganz normal Gassi, habe auch keinen großen Wert mehr auf Leinenführigkeit gelegt. Ich habe mir einfach ruhige Gassistrecken ausgesucht, wo nicht viele Hunde gingen. Spike war ja inzwischen auch sehr ängstlich anderen Hunden gegenüber.

Ich habe angefangen, alles nur noch ausm Bauch raus zu machen, und irgendwann lief es einfach - er lief dann auch so an lockerer Leine, ohne dass ich an ihm rucken musste.

Weder ich noch mein Hund hatten in dieser Hundeschule Spaß am Training. Es hat danach ca. drei Jahre gedauert, bis wir eine harmonische, liebevolle Beziehung aufgebaut hatten. Wir haben das Training komplett abgebrochen und versucht, das alles zu vergessen. Irgendwann nach fast 3 Jahren glaubte dann auch unser Hund, dass er nicht mehr mit Strafen durch uns rechnen musste.

Ich hätte damals auch gern meine Tochter mit zu den Trainingsstunden genommen, aber das wollte die Trainerin nicht. Kinder hätten im Training nichts verloren. Dabei wollte ich gar nicht, dass meine Tochter das Training übernimmt, sondern nur dass sie zuschauen kann. Das wollte die Trainerin aber gar nicht.

Die Angst vor rasselnden Geräuschen blieb übrigens bis zum Schluss. Spike hat sich immer sehr erschreckt, wenn irgendwas geraschelt hat. Auf den Spaziergängen hat er sich auch immer umgeschaut, ob irgendwas kommt.

Mich ärgert das alles, weil ich jetzt merke, dass es auch ganz anders laufen kann. Die Hunde spüren doch, wenn man liebevoll mit ihnen umgeht. Klar unterbinde ich es auch mal mit strengerem Tonfall, wenn meine kleine Ella z.B. auf ihrer Leine rumkaut. Aber nicht mit aggressivem Ton und nicht mit einer Rasseldose. Sie ist eine sensible Hündin, sie würde sich vermutlich zu Tode erschrecken. Und dieses zu Tode erschrecken ist leider bei Spike ganz, ganz oft passiert.

Bei unserer Ella stand von Anfang an für uns fest, dass wir ihr so eine Erziehung nicht antun wollen. Wobei du ja gesehen hast, dass ich manche Dinge leider immer noch verinnerlicht habe. Anfangs habe ich sie in diesem bestimmenden Tonfall abgerufen, und du hast mich direkt darauf hingewiesen, dass mein Ton freundlicher sein sollte. Das ist ja auch logisch - der Hund soll doch Spaß am Training haben und keine Angst!

Unser Spike hatte Angst - Respekt würde ich das nicht nennen -, der hatte richtige Angst vorm Training. Insgesamt waren wir nur ca. 3 Monate in der Hundeschule, und danach hat es drei Jahre gedauert, bis er sich davon einigermaßen erholt hatte.

Ich habe versucht, diese negativen Erfahrungen zu verdrängen, aber immer wenn ich jetzt zu dir in die Hundeschule komme, kommen wieder Erinnerungen hoch, und ich merke, was ich alles falsch gemacht habe. Das tut mir so unendlich leid ...

Bei dir haben wir richtig Spaß im Training - und zwar alle Familienmitglieder und unsere Hündin Ella. Wir freuen uns immer drauf - die Kursstunden sind für uns eine kleine Auszeit vom Alltag.

Du machst uns immer verständlich, wie Hunde sich in verschiedenen Situationen fühlen, warum sie das machen, was sie machen. Ich kann mich immer hineinfühlen, wie ich mich an der Stelle des Hundes fühlen würde. Du erklärst das in einer ganz ruhigen, liebevollen Art. Auch die Hunde spüren, dass alles, was du machst, gut für sie ist.

Die Atmosphäre beim Training ist nicht angespannt wie früher, sondern locker, und alles wird verständnisvoll rübergebracht. Du bist offen und gehst mit einer Wärme auf die Hunde zu. Es ist einfach eine liebevolle Erziehung, und das spiegelt sich auch an uns Hundehaltern wider. Wir kommen gerne in die Hundeschule, und deshalb ist es auch für die Hunde positiv verknüpft.

Deine Beispiele sind immer anschaulich. Und was ich ganz toll finde, ist, dass du uns überlässt, was uns für den Hund wichtig ist. In der früheren Hundeschule waren "sitz" und "platz" super wichtig, aber du regst uns an, zu überlegen, wo uns im Alltag denn was genau wichtig ist und das dann gezielt zu trainieren. Zum Beispiel war mir die Leinenführigkeit beim großen, starken Spike sehr wichtig, aber jetzt bei der kleinen Ella ... mein Gott, wenn sie mal nicht so perfekt an der Leine geht, mache ich mir keinen Stress. Und dann macht mein Hund sich nämlich auch keinen Stress ... und auf einmal klappt es auch an der Leine! Wenn ich aber angespannt bin, funktioniert es nicht.

Und was den Rückruf angeht, ist dein Rat ja, dass der erst mal an der Schleppleine wirklich sicher funktionieren muss, bevor wir in den Freilauf übergehen können. Das habe ich früher auch anders gelernt. Da wurden die Hunde viel zu früh frei laufen gelassen, haben sich dann gedacht "Juhuuu, Freiheit, weg von diesem blöden Trainingsplatz, ich hab' keinen Bock zurückzukommen!" Bei Ella ist es jetzt so, dass sie sich wahnsinnig freut, immer wieder zu mir zurückzukommen. Und trotzdem mache ich die Leine erst ab, wenn es wirklich sicher sitzt.

Diese beiden Arten von Hundeerziehung kann man gar nicht vergleichen. Das ist wie Feuer und Wasser, das absolute Gegenstück. Ich merke, dass du dich in die Hunde reinversetzen kannst, dass du weißt, wie ein Hund tickt - egal welche Rasse. Du verstehst, was ein Hund mit seinem Verhalten ausdrücken will und erklärst uns Hundehaltern das ganz verständlich, sodass wir unsere Hunde besser verstehen.

Was ich außerdem ganz wichtig finde: Ein Familienhund gehört ja nicht nur zu einer einzigen Person, sondern ist ein Familienmitglied, und du beziehst jedes einzelne Familienmitglied ins Training mit ein. Wenn mein Mann mit Ella zum Training geht, funktioniert das genauso wie wenn ich da bin.

Was ich auch noch so wichtig finde - damals hieß es immer, nur ein ausgelasteter Hund ist ein ruhiger Hund. Mittlerweile weiß ich, dass auch ein Garten-Tag zu einem entspannten Hund beitragen kann. Auf das Thema Schlaf des Hundes wurde nie eingegangen, nie! Seit wir zu dir kommen und du uns die Wichtigkeit von genügend Ruhephasen erklärt hast und ich bei Ella darauf achte, habe ich einen total entspannten Hund. Das hätte damals Spike sicher auch geholfen. Uns wurde gesagt, wir sollen unseren Hund auspowern, geistig und körperlich, und dann wird er schon müde werden.

Insgesamt das allerwichtigste finde ich, dass du uns immer wieder vermittelst, wie der Hund sich gerade fühlt, was er wohl denkt und uns das verständlich machst. Das war damals nicht so - da hieß es immer "Der Hund macht das, weil er ein Alphatier ist, weil er die Führung vom Rudel übernehmen will.", was völliger Schwachsinn war meines Erachtens. Ich bin froh, dass ich es heute besser weiß - danke!"

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