Das Draußen-Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom

"Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit draußen - ich will das Interessanteste sein für meinen Hund." Das ist ein oft geäußerter und durchaus berechtigter Wunsch. Denn wenn dein Hund dich öde und draußen alles andere spannender findet, dann wird es mit der Kommunikation zwischen euch beiden schwierig. Wenn dein Hund dir nicht zuhört, dann hast du keine oder zu wenig "Kontrolle" über ihn. Dann werden trainierte Signale nicht oder nur unzuverlässig befolgt. Du wirst an der Leine zur nächsten Schnüffelstelle gezerrt, statt dass dein Hund aufmerksam MIT dir geht. Der Rückruf verhallt oft ohne Reaktion, und überhaupt siehst du viel öfter den Hintern als die Augen deines Hundes. Permanenter Leinenzwang bzw. eine Gefährdung deines Hundes oder der Umwelt durch deinen Hund sind die Folge.

"Du musst dich interessanter machen für deinen Hund!", lautet demzufolge ein Standard-Rat vieler Hundetrainer. Aber wie? Den Hund hungern lassen, damit er draußen deinem prall mit Fleischwurst gefüllten Leckerbeutel folgt? Den Hampelmann machen und deinen Hund dauerbespaßen? Oder vielleicht hinterm Baum verstecken, damit Bello irgendwann hoffentlich merkt, dass da was fehlt und er dich zukünftig besser im Auge behält, um dich nicht zu verlieren? Oder den Hund durch massive Strafreize dermaßen ins Meideverhalten bringen, dass er sich keinen Meter mehr von dir wegtraut?

Nein, weder musst du den Kasper machen noch deinen Hund dauerbeschäftigen. Dass hungern lassen plus Fleischwurst oder Verstecken oder massives Strafen eher keine intelligenten Optionen sind ... muss ich das wirklich erklären? Ich hoffe doch nicht.

Wichtig ist erstmal, dass wir die Frage anders stellen. Nicht "Wie mache ich mich interessanter für meinen Hund?" sollte die Frage sein, sondern doch eher: "Warum BIN ich denn so uninteressant bzw. unwichtig für meinen Hund?"

Denn du müsstest eigentlich der Nabel der Welt deines Vierbeiners sein. Schließlich bestimmst du sein komplettes Leben - er ist vollkommen abhängig von dir. Du entscheidest, ob und wann er was und wieviel zu fressen bekommt. Du entschiedest, ob, wann, wie lange und wie oft er Kontakt zu welchen Artgenossen hat. Du entscheidest, wann er wieviel deiner Zeit, Aufmerksamkeit und Nähe bekommt. Du bestimmst, wann, wie oft, wie lange und wo Ihr spazieren geht. Du bestimmst das Tempo des Spaziergangs und ob, wann und woran wie lange geschnüffelt wird oder nicht. Die Liste könnte noch weiter geführt werden. Der Punkt ist: Dein Hund weiß sehr wohl, dass er alles, was ihm wichtig ist, nur durch dich bekommt. Dass du der Schlüssel zu allem bist, was er zum Leben braucht und was ihm Spaß macht.

Warum nur bist du ihm scheinbar trotzdem so unwichtig? Warum orientiert er sich nicht oder nicht ausreichend an dir? Warum "hört" er so schlecht?

Nun - natürlich gibt es keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Es gibt viele Gründe - von der Genetik der Rasse deines Hundes über jagdliche Motivation, unzureichende Auslastung, den ewig gleichen langweiligen Spazierweg, Inkonsequenz im Training usw. usf. Ich müsste tatsächlich zu dir nach Hause kommen, um mit dir zusammen herauszufinden, was bei deinem Hund die Gründe sind.

Apropos nach Hause kommen ... genau dort spielt sich ein sehr weit verbreiteter Grund für das "Draußen-Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" ab.

"Zuhause? Nein, zuhause haben wir überhaupt keine Probleme. Zuhause ist das der liebste Hund der Welt. Der kuschelt viel, ist totaaal aufmerksam und läuft mir überall hin nach. Und der schleppt mir immer sein Spielzeug an und fordert mich zum Spielen auf ... hach ja, wenn er nur draußen auch so aufmerksam wäre ..."

Und genau deshalb hast du zuhause eben doch ein Problem!

Warum? Überleg dir mal folgendes:

Dein Hund läuft dir überallhin nach? Wie gehst du damit um? Lässt du es unbegrenzt zu, oder vermittelst du ihm, dass du sehr wohl ohne seine Hilfe aufs Klo kannst? Und dass du gern in Ruhe kochen würdest, statt in der Küche ständig über ihn zu stolpern?

Wenn dein Hund Kontakt sucht und sich z.B. neben dich setzt oder dir den Kopf auf den Schoß legt, bewegt sich dann automatisch deine Hand zum Streicheln nach unten?

Wie reagierst du, wenn dein Hund Spielzeug anschleppt? Spielst du dann mit ihm?

Worauf ich hinaus will: Wie sehr bist du für deinen Hund verfügbar? Bekommt er immer deine Aufmerksamkeit, wenn er sie haben will?

Beobachte dich mal - wenn du an deinem schlafenden Hund vorbei gehst - schaust du zu ihm hin (ja, das kriegt er mit!)? Wenn er sich neben dich setzt - wandert automatisch deine Hand zu ihm runter und beginnt, ihn zu kraulen? Schmeißt du ihm sein Bällchen, wenn er es anschleppt und dich auffordert?

Wie oft ist dein Hund im Mittelpunkt? Wie oft reagierst du zuhause auf Blicke, Bewegungen, Aufforderungen von ihm?

Viele Hunde stehen im Mittelpunkt. "Seit wir unseren Hund haben, dreht sich unser ganzes Leben um ihn", sagte mir neulich strahlend ein Kunde. Er war ziemlich ernüchtert, als ich ihm erklärte, dass genau das der Hauptgrund dafür ist, warum sein Hund draußen Jogger schreddert und warum er Besuch mit den Zähnen begrüßt.

Warum denn in aller Welt sollte dein Hund, wenn du ihn zuhause in den Mittelpunkt rückst, ihm jeden Wunsch von den Augen abliest, sich draußen auch nur einen Deut um dich kümmern? Wer selbst im Mittelpunkt steht, KANN sich gar nicht an jemand anderem orientieren! Wenn du zuhause deinen "Prinzen" hofierst, dann bist du gar nicht in der Position, ihn draußen zu rufen. Warum sollte er kommen?

Achte mal die nächsten Tage darauf, wie oft du dich an deinem Hund orientierst - wie oft dein Blick zu ihm wandert, wie oft du ihn anfasst, ansprichst etc., wie fast schon automatisiert du auf Kontaktaufnahme seinerseits reagierst.

Nein, die Lösung ist nicht, deinen Hund jetzt 3 Wochen lang komplett zu ignorieren. ;-) Die Lösung für dich und deinen Hund kann ich dir auch nicht im Rahmen eines naturgemäß relativ allgemein gehaltenen Blog-Artikels liefern. Vielleicht konnte ich dich aber ein wenig zum Nachdenken und in den nächsten Tagen zum Beobachten anregen.

Die Struktur der Beziehung zwischen dir und deinem Hund ist die Basis für einen funktionierenden Alltag mit deinem Hund und auch die Basis für jedes Training. Wer bewegt wen? Wer hat mehr "Plan vom Leben"? Wer verwaltet die lebenswichtigen Ressourcen? Wer trifft Entscheidungen? Wer orientiert sich an wem?

Ich würde mich freuen, wenn du mir von deinen Beobachtungen berichtest. Und wenn du feststellst, dass auch du zu Hause einen im Mittelpunkt stehenden Prinzen hast, der draußen unter "DADS" leidet, dann sprich mich gerne an, und wir finden gemeinsam die für dich und deinen Hund passende Lösung, und zwar fernab von starren Alphagedöns-der Hund muss immer hinter dir aus der Tür-Regelwerken :-)

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