Hex-Hex, schnell-schnell ... Hauruck

November 30, 2018

 

Ein großartiger Referent sagte einmal auf einer Trainerfortbildung, die ich besuchte, sinngemäß: "In allen anderen Bereichen wird sich Zeit genommen. Im Sport z.B. wird sich vor dem Training aufgewärmt, dann werden Trockenübungen gemacht usw., bevor es ans eigentliche Training geht. Und es ist allen klar, dass gutes Training und zufriedenstellende Erfolge ein Prozess sind, der Zeit kostet. Nur im Hundetraining muss es husch-husch, schnell-schnell gehen, und Trainingserfolge sollen gefälligst quasi ohne Arbeit sofort da sein."

Leider teile ich diese Beobachtung und zerbreche mir immer wieder den Kopf darüber, woran das liegt. In so vielen Menschenköpfen scheint die Vorstellung zu existieren, dass man bei einem Hund nur einen "Knopf drücken" oder "ihn mal ordentlich unterwerfen" muss, und "dann hört der". Warum? Wie kommt man auf diese irrwitzige Idee? Unsere menschlichen Kinder gehen viele, viele Jahre ihres Lebens in die Schule, machen Ausbildungen, studieren, im Erwachsenenalter bilden wir uns kontinuierlich fort in den Bereichen, in denen wir uns verbessern wollen ... aber Hunde, die sollen bitteschön per Knopfdruck erziehbar sein.

Leider wird dieser Irrglaube noch unterstützt von vielen Trainern - durch Marketing-Tricks, die falsche Hoffnungen wecken,  oder gar brachiale, vorgestrige Hauruck-Methoden.

Kurstitel wie "In 12 Wochen zum folgsamen Hund" oder "Leinenführig in 6 Wochen" gaukeln vor, der Hund sei nach nur 12 Wochen "fertig" erzogen oder nach 6 Kursstunden leinenführig. Das ist ein Marketingtrick, der auch mir von Marketingprofis schon mehrfach dringend ans Herz gelegt wurde und den ich nach wie vor vehement ablehne, da es Kundenverarsche ist. Was der Trainer in den genannten Beispielen nämlich tatsächlich meint, ist, dass er in dem 6- oder 12-wöchigen Kurs den Kunden ausreichend Wissen vermittelt, mit dem sie fortan - sofern sie es korrekt und konsequent über einen längeren Zeitraum umsetzen - so arbeiten können, dass sie IRGENDWANN einen folgsamen oder leinenführigen Hund haben werden.

Neulich wurde ich von einer Kundin gefragt, ob ihr junger, noch völligst unerzogener Hund nach meinem 10-stündigen Junghundekurs dann "fertig erzogen" sei. Natürlich nicht, habe ich ihr wahrheitsgemäß geantwortet. In dem Kurs kratzen wir gerade mal an der Oberfläche und schneiden zehn wichtige Themen an. Wenn das im Kurs Vermittelte im Alltag konsequent und fleißig umgesetzt wird, entsteht eine sehr gute Basis. "Fertig" ist der Hund aber selbstverständlich noch lange nicht erzogen. Wirklich "fertig" ist man logischerweise eh nie. Oder kennt Ihr einen Fußballnationalspieler, der insgesamt nur 10 Wochen in seinem Leben trainiert hat, seither fertig ist, alle zwei Jahre die EM und die WM gewinnt, aber nie weiter trainiert? Eben.

Zusätzlich zu den Marketingprofis unter den Hundetrainern gibt es leider Gottes auch noch die "Hau-Drauf"s unter den Trainern. Das sind die, die mit seit Jahrzehnten veralteten und tierschutzwidrigen Brachialmethoden den Kundenhund innert Minuten in ein Häufchen Elend verwandeln und sich dann großkotzig als den einzig wahren Hunde"flüsterer" (haha) rühmen.

Kürzlich hatte ich z.B. ein nettes älteres Ehepaar mit einem 3-jährigen Parson Russel Terrier im Training. Der Hund zeigt diverse problematische Verhaltensweisen, die das Ehepaar im Alltag massiv belasten. Zum Beispiel schreit und bellt der Hund auf manchen Autofahrten anhaltend und kratzt das Auto kaputt. Besuch wird massiv verbellt, wenn er wieder gehen will. Außerdem jagt der Hund Katzen und zerrt die Halter an der Leine hinter sich her. Das Ehepaar hat schon einige Trainer um Hilfe ersucht - verschiedene Vereinstrainer, die die Probleme "ignoriert" haben. Diesen Trainern ist kein Vorwurf zu machen, da sie einfach die falsche Anlaufstelle waren. Verhaltensprobleme werden in Hundesportvereinen nicht behandelt - das ist weder Aufgabenbereich der Hundesporttrainer, noch haben sie die nötige Ausbildung. Dann wurde ein Hundetrainer konsultiert, der ohne Anamnese und ohne die komplexe Problematik verstehen zu wollen, direkt zu massiven Leinenrucks und Wasserpistole riet. Das Bellen im Auto sollte durch brutale Leinenrucks am Halsband "abgestellt" werden. Alle (!) anderen Probleme sollten durch Bespritzen des Hundes mit einer Wasserpistole "therapiert" werden. Die Halter haben dies ausprobiert, leider. Zum Glück nur einmal. Die Probleme im Auto wurden durch die Leinenrucks nämlich nur noch schlimmer. So traktiert, rastete der Hund erst so richtig aus. Über die Duschen via Wasserspritze hat sich der Terrier wiederum kaputtgelacht bzw. über die willkommene Erfrischung gefreut. Die Halter können froh sein, dass sie einen Terrier haben, der naturgemäß "hart im Nehmen" ist. Bei so vielen anderen Hunden wäre der Schuß übelst nach hinten losgegangen, und wir müssten jetzt ein handfestes Vertrauensproblem und Trauma therapieren.

Die Probleme des Hundes sind komplex und seit Jahren eingefahren. Sie zu verstehen und passende, umsetzbare, faire Strategieen zu entwickeln, braucht seine Zeit. Wir haben zwar in nur zwei Stunden bereits eine deutliche Entspannung der Situation erreicht - und zwar ganz ohne tierquälerische Hauruck-Maßnahmen -, aber das Ende der Fahnenstange ist längst noch nicht erreicht.

Es entsetzt mich, dass es immer noch Möchtegern-Trainer gibt, die einfach nur draufhauen und sich dann dafür rühmen, dass der arme Hund sich nicht mehr traut, IRGENDEIN Verhalten zu zeigen. Das ist unprofessionell und armselig.

Natürlich gibt es immer mal wieder Probleme, die schon lange bestehen und die der Halter subjektiv als enorm belastend erlebt, die aber mit wenigen, einfachen "Handgriffen" zu beheben bzw. zu trainieren sind. Oder Trainingsziele, die schlicht einfach umzusetzen sind. Das ist nichts Besonderes und sollte nicht Grund sein, sich als Trainer super toll zu finden und auch noch öffentlich selbst zu loben. Manche Probleme sind halt einfach und in kurzer Zeit zu beheben. Das sind die simplen Fälle, die jeder Trainer kennt und genießt. Oft liegt der "Erfolg" auch - und da müssen wir Trainer auch ehrlich sein - an der geringen Erwartungshaltung mancher Hundehalter. Es gibt Halter, die schon von minimalsten Verbesserungen und Ergebnissen ultra begeistert sind, während ich als Trainerin noch das Gefühl habe, dass wir doch noch nicht mal richtig angefangen haben. Es gibt nun Trainer, die diese winzigen Veränderungen und das dankbare Feedback der Kunden veröffentlichen und sich als Wunder-Trainer feiern lassen.

Es lohnt sich immer, genau hinzuschauen, ob vermeintliche wundersame Trainingserfolge auf Knopfdruck wirklich von dem besonderen gottgegebenen Talent des Trainers herrühren. Oder ob es schlicht ein einfach zu lösendes Thema war. Oder ob der Pseudo-Erfolg durch pure Gewalt simuliert wurde. Oder vielleicht hat der tolle Crash-Kurs, der mit blumigen Worten angepriesen wird, nur einen werbewirksamen Titel, und bei näherem Hinschauen steckt da eben auch ganz normales, zeitintensives Hundetraining drin.

In der Regel ist es so, dass zufriedenstellende Erfolge im Training über einen längeren Zeitraum in geduldigem, kleinschrittigem und konsequentem Training erarbeitet werden. Und Verhaltenstherapien bei Problemverhalten dauert normalerweise sehr lang - nicht anders als es bei uns Menschen auch der Fall ist. Oder kennt Ihr Psychologen, die Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen erfolgreich und nachhaltig in einer einzigen Sitzung therapieren? Eher nicht.

Lasst uns doch einfach auf dem Teppich bleiben und ehrlich und konsequent sinnvoll mit unseren Hunden trainieren, ohne irgendwelche irrwitzigen Zaubertricks vom Trainer zu erwarten.

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